13.08.2006

Wie viel Wind ist zuviel des Guten? Ein interessanter Beitrag von Bruno Michel



Yacht-Skipper müssen sich mit vielen Fragen befassen, wenn ihre Törns nicht in Abenteuer ausarten, sondern Erlebnisse bleiben sollen. Auch klar, dass sich viele Newcomer tendenziell Abenteuer wünschen, denn diese lassen sich in nachträglichen Schilderungen viel dramatischer ausschmücken. Und von Erzählung zu Erzählung auch besser steigern. Dabei zeichnet sich doch ein sauber geplanter und gut durchgeführter Törn primär durch gute Seemannschaft, feiner Kameradschaft, prima Bordküche und zum Beispiel tollen Sonnenuntergängen in ebensolchen Ankerbuchten aus. Aber eben: Kotzenderweise durchgestandene Stürme bringen beim Apero im Freundeskreis mehr Aufmerksamkeit, ähnlich wie bei Fischern die Fischgrösse und bei Tauchern die jemals erreichte, maximale Tauchtiefe.

Reden wir also mal ganz bewusst davon, wie viel Wind für eine Motoryacht genug ist. In Kreisen erfahrener Skipper ist man mit einfachen Rezepten zu Recht sehr zurückhaltend, respektive man differenziert von Crew zu Crew, von Schiff zu Schiff, von Revier zu Revier und auch danach, wohin die Reise bezüglich der aktuellen Windrichtung geht. Logischerweise macht es auch einen grossen Unterschied, ob wir mit dem eigenen Schiff unterwegs sich oder ob wir aber als Charterer für nur 2 Wochen pro Jahr ein immer wieder anderes Schiff führen.

Verbleiben wir mal bei der CCS-eigenen Motoryacht Rolling Swiss und ihren typischen Eigenschaften in Wind und Wellen. Das Schiff ist bekanntlich cirka 14 Meter lang und gegen 4 Meter breit, hat einen Tiefgang von nur 1,3 Metern und verdrängt gut und gerne 18 Tonnen. Die beiden Seitenkiele helfen merklich mit, das Schiff zu stabilisieren und durch den Rundspant taucht es vergleichsweise weich in die Wellen ein. Nicht zuletzt ist das hohe Schanzkleid zu erwähnen, das ihm im Bugbereich ein hoher Freibord verschafft. Allerdings kann sich dieser Vorteil auch schlagartig ins Negative verkehren, nämlich dann, wenn wir mit dem ausladenden Steven voll in eine Welle einstecken. Das Schanzkleid wirkt in einer solchen Situation wie ein Löffel, der innert Sekundenbuchteile einige hundert Liter Wasser auf den Bug schaufelt. Auch ein Segelschiff kann natürlich grünes Wasser über den Bug bekommen, doch läuft es hier ebenso rasch wieder ab. Nicht so bei unserem Schiff, denn es braucht seine Zeit, bis das Wasser über die vergleichsweise kleinen Lenzöffnungen wieder über Bord ist. Ausprobiert habe ich es nicht, aber es spricht vieles dafür, dass die nächste Welle vorher vor dem jetzt tiefer im Wasser liegenden Bug erscheint. Und falls diese Welle dann hoch fliegt und die grossen Frontscheiben des Salons erreicht, dann, ja dann…

Kommen hohe Wellen vor der Seite an, so wird das Ganze auch nicht einfacher, denn das Schiff rutscht nun seitwärts in grosser Schräglage die Welle hinunter, was sehr wohl kritisch werden kann. Auch in diesem Falle hat es die Segelyacht besser, denn die Windkraft im Segel lässt das Schiff in einigermassen aufrechter Position ins Wellental rutschen und der schwere Kiel verhindert ebenso weitgehend ein Kentern über die Seite. Zwei wichtige Dinge, die der Motoryacht leider fehlen.

Damit wären wir schon beim zentralen Problem angekommen: Nicht die Windstärke begrenzt primär die Möglichkeiten einer Motoryacht, sondern die Wellenhöhe! Natürlich gibt es physikalische Zusammenhänge zwischen Wind und Welle, aber die Sache ist ziemlich komplex, denn das Revier spielt als wesentlichen Faktor in die Angelegenheit hinein. Im Mai dieses Jahres habe ich das wieder mal 1:1 erlebt. Damals blies der Starkwind um 6 Bf 7 Tage ununterbrochen aus der gleichen Richtung, was im Küstenbereich des Kattegatt eine Kreuzsee von 2 bis 2,5 Meter Höhe aufbaute. Fazit: Ende der Fahnenstange.

Segler werden nun vielleicht reklamieren, dass es ja noch die Möglichkeit des Aufkreuzens gibt. Selbstverständlich ist das so und es bringt auch auf einer Motoryacht eine Verbesserung der Situation und der Möglichkeiten. Aber eben nicht ganz soviel, wie auf einem Segelschiff, wo der Steuermann von Anfang an gelernt hat, im Rhythmus der Wellen leicht anzuluven und abzufallen. Reine Motorboot-Yachties – bitte nicht als Vorwurf auffassen – spüren diesen Tanz auf den Wellen weniger gut und die gegen über einem Segelschiff kleinere Ruderflächen machen das Ganze auch nicht einfacher. Beim Ankertrunk haben wir deshalb schon mal laut darüber nachgedacht, zukünftigen Motorboot-Skippern ein paar Lektionen segeln zu empfehlen.

Und noch eine Überlegung obendrauf: Wer nicht segeln kann, wird sich nicht getrauen, ein Segelschiff zu chartern. Aber wer Autofahren kann, ist sich irgendwie sicher, auch ein Motorschiff problemlos steuern zu können. Schon mal auf den Kanälen Europas zugeschaut? Doch zurück zu unserem Thema: Es wäre doch prima, dem Newcomer eine maximal zulässige Windstärke empfehlen zu können, zum Beispiel 5 Bf für eine längere Strecke, 6 Bf im geschützten Revier und allenfalls eine Mütze voll mehr zur Flucht in den nächsten Hafen. Aber so einfach ist es eben leider nicht.

Allzeit gute Fahrt übrigens. Und nicht zu hohe Wellen

Bruno Michel


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